
Aug.
23
2023
Kino, Küsse, Knieverrenkung
Rund 30 Moneypennys folgten der Einladung zum Frauenstadtrundgang «Kino, Küsse, Knieverrenkung – wie Frauen sich in Zürich früher vergnügten».
Freizeit, wie wir sie heute kennen, war nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Dies galt bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem für Frauen, wo das klassische Rollenbild noch die Schweiz dominierte. Frauen sollten sich um die Familie und den Haushalt kümmern. Verheiratete Frauen gingen sicherlich nicht arbeiten, zumindest im klassisch-bürgerlichen Ideal. Frauen brauchen doch keine Freizeit bei den Aufgaben. Trotzdem fanden sie immer wieder Mittel und Wege, ihrem Vergnügen und eigenen Interessen nachzugehen.
Bei hochsommerlich heissen Temperaturen startete der spanndende Rundgang vom Opernhaus Zürich Richtung Bellevue, wo wir erfuhren, wie sich die Warenhäuser in der Stadt entwickelten und zu den ersten, heimlichen, «Vergnügungsorten» der Damen wurden. Sei es in der günstigeren EPA, dem edlen Globus – damals noch mit Lichthof – oder im modernen, umstrittenen Jelmoli, wo verschiedene Marken ein zu Hause unter einem Dach fanden und es sogar einen exotischen Liftboy gab. Hier wurden erste geheime Sehnsüchte geweckt, während dem ganz normalen Einkauf für die Familie. Weiter geht’s Richtung
Kruggasse, dem ehemaligen Zentrum der Zürcher Halbstarkenszene. 1960 titelte der «Blick»: «Das Halbstarken-Nest von Zürich». Im «Schwarzen Ring» wurden die wildesten Partys gefeiert, die den damaligen Anwohnern die Schamröte ins Gesicht trieben und man sich fragte, wo die guten Sitten wohl hingekommen sind. Denn die Damen waren geschminkt, aufgebrezelt trugen Jeans wie die Herren, alles was nicht konform war, in einer Zeit, wo Benimmbücher verteilt und die Etikette verlangte, dass man anständig gekleidet und frisiert das Haus verlässt, weder laut redet noch laut lacht.
Der Rundgang geht weiter zum Hechtplatz, wo sich früher das Café Select befand, der Treffpunkt der Künstler und Intellektuellen und das Stammlokal von Giuditta Tommasi, eine der ersten offen lebenden bisexuellen Frauen in Zürich mit einer absolut faszinierenden Lebensgeschichte, eine Frau, die ihre Träume realisierte in einer Zeit, wo das alles andere als selbstverständlich war. Da wo Anna Indermaur 1935 das Kino Nord-Süd, das erste Studiokino der Schweiz eröffnete und vorwiegend französische Filme zeigte und auch Schweizer Kinogeschichte schrieb.
Über die Münsterbrücke führt der Weg weiter Richtung Frauenbadi, wo Frauen heute ungestört schwimmen, sich sonnen und das süsse Nichtstun geniessen. Früher warnte man jedoch die Damenwelt vor dem Schwimmsport – man glaubte, dass es Muskeln fördere, die bei der Geburt Widerstand leisteten. Und so lernten die Frauen rund 100 Jahre nach den Männern das Schwimmen… Dann, 1974, gab es die nächste Empörung in Zürich, die erste amtliche Oben-ohne-Erlaubnis! Die Rede war vom ultimativen Sittenzerfall – denn bis dahin war ein gepflegtes Badeoutfit Pflicht.
Der Spaziergang endet beim Bürkliplatz, wo sich früher die Tänzer der Stadt trafen, um aus den engen Strukturen auszubrechen und sich den modernen amerikanischen Klängen und Tänzen hingaben. Noch heute tanzt man hier im Pavillon im Sommer Lindy-Hop, Salsa und andere Tänze und fühlt sich frei und lebendig.
Mit diesen geschichtsträchtigen Eindrücken einer spannenden Tour verabschiedeten wir uns am Bürkliplatz und gingen beschwingt nach Hause. Wir danken dem Team des «Frauenstadtrundgangs Zürich» sehr herzlich für diese spannende Reise in die Vergangenheit und wer mehr wissen möchte zu diesem Verein, der findet dies unter: www.frauenstadtrundgangzuerich.ch



































































